Berenice (2004) dt.
Johannes Maria Staud
Noam Zur – Dirigent, Christian Spuck – Regie, Emma Ryott – Bühne und Kostüme

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Chief Joseph (2005) engl.
Hans Zender
Cornelius Meister – Dirigent, Benedikt von Peter – Regie, Susanne Münzner – Bühne, Katrin Wittig – Kostüme, Kristin Shaw Minges – Choreographie

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Ein blühender Baum (A Flowering Tree, 2006) dt.
John Adams
Dietger Holm – Dirigent, David Hermann – Regie, Christof Hetzer – Bühne und Kostüme

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Phaedra (2007) dt.
Hans Werner Henze
Dietger Holm – Dirigent, Daniel Cremer – Regie, Ben Baur – Bühne, Amélie Sator – Kostüme

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Ai-en (2008) japan.
Minoru Miki
Dietgar Holm – Dirigent, Nelly Danker – Regie, Andreas Auerbach – Bühne und Kostüme

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Für Komponisten ist es nicht so schwer, eine Uraufführung für ein neues Werk zu bekommen. Jedes Theater schmückt sich gerne damit, neue Stücke aufzuführen und damit etwas für die Gegenwartskunst zu tun. Doch die meisten dieser Stücke verschwinden danach auf alle Ewigkeit in der Versenkung – das war immer schon so, seit es Theater gibt. Ein Komponist muss Stück um Stück schreiben und kommt doch auf keinen grünen Zweig, weil er von den alten nicht leben kann. Entscheidend ist deshalb, ob es eine zweite Aufführung gibt, die das neue Stück für das Repertoire gewinnt. Erst dann ist wirklich etwas für die Gegenwartskunst getan. So lag es nahe, eine eigene Spielplanlinie dafür einzurichten, neue Stücke nachzuspielen, sich in jeder Saison nach den interessantesten neuen Opern umzusehen und sie dann in Heidelberg zu präsentieren – so weit die Möglichkeiten unseres Theaters dies erlaubt. Und es gibt noch einen zweiten Grund, neue Stücke nachzuspielen. Bei einer Uraufführung ist oft die Tinte noch nicht trocken, mit der die Noten geschrieben worden sind. Das mag zu Mozarts Zeiten kein Problem gewesen sein, als jeder Sänger, Musiker und Regisseur mit den Konventionen der Zeit vertraut war. Doch im Laufe des 20. Jahrhunderts sind alle Übereinkünfte zerfallen, die vorher im Theater und in der Musik galten. Oft kennt der Regisseur den musikalischen Charakter der neuen Oper noch gar nicht, die er zur Uraufführung bringen soll. Er hat zwar den Text in der Hand, doch viel entscheidender ist die musikalische Dramaturgie einer Oper. Wer sich nur nach dem Libretto richtet, kann die Spannungsbögen eines Musikdramas völlig verpassen. Ein Regisseur kann auch ganz und gar daneben liegen, etwa wenn er nicht erkennt, dass es sich um ein statisches Drama handelt, für das eine dynamische Regie nicht passt – Aktionismus auf der Bühne kann dann verhindern, dass die Zuschauer die Musik angemessen wahrnehmen können. Die zweite Aufführung ist also auch die Chance, eine Oper einer neuen Überprüfung zu unterziehen, sie von einer anderen Seite zu beleuchten und vielleicht sogar ihrem Wesen näher zu kommen. Man hat ja die Inszenierung der Uraufführung schon gesehen und ihre Mängel erkannt. Daraus kann man lernen und eine eigene Sichtweise des Stücks entwickeln. Auch der Komponist erkennt oft erst bei der zweiten Aufführung, was er da eigentlich geschaffen hat. Für das Heidelberger Publikum bot diese Serie einen faszinierenden Überblick über das aktuelle Opernschaffen. „Berenice“ von dem jungen österreichischen Komponisten Johannes Maria Staud stand neben „Chief Joseph“ des Altmeisters Hans Zender, das an der Berliner Staatsoper uraufgeführt worden war. Am gleichen Ort stießen wir auch auf Henzes frisches Alterswerk „Phaedra“, das in der Interpretation durch ein blutjunges Team ein beeindruckendes neues Leben erhielt. Zugleich war es uns wichtig, über den Tellerrand zu blicken und zu zeigen, was außerhalb Europas passiert. „Florencia en el Amazonas“ von dem mexikanischen Komponisten Daniel Catán begeisterte das Publikum und brachte Menschen ins Haus, die sonst nicht in die Oper gehen. Mit „Ein blühender Baum“ präsentierten wir ein Werk des wichtigsten amerikanischen Komponisten unserer Zeit, John Adams, der aus der genuin amerikanischen Musikrichtung des Minimalismus kommt. Und selbst in Asien lebt die Oper: Als Minoru Mikis „Ai-en“ in Tokio uraufgeführt wurde, erwies sich sie als ein Meisterwerk der großen Oper. Eine spannende Geschichte um eine geheime Melodie und ein getrenntes Paar von Zwillingsschwestern verband fernöstliche Atmosphäre mit großem Gefühl und japanische Instrumentalklänge mit westlichem Orchestersound. Die Sänger und der Chor meisterten das Werk sogar in der japanischen Originalsprache. Dass Originalsprache kein Dogma sein muss, zeigte sich bei der erzählenden, eher statischen Oper von John Adams, die in deutscher Übertragung gesungen wurde. Jedes Werk stellt seine eigenen Forderungen an die Interpreten. Auch das war eine interessante Lehre aus der Reihe der Zweitaufführungen.

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