Saint Nicolas (Der Heilige Nikolaus)
in der Friedenskirche in Handschuhsheim, Michael Klubertanz – Dirigent, Solvejg Franke – Regie, Klaus Teepe – Bühne

The Prodigal Son (Der verlorene Sohn)
in St. Bonifatius in der Weststadt, Michael Klubertanz – Dirigent, Solvejg Franke – Regie, Klaus Teepe – Bühne, Frank Bloching – Kostüme

Curlew River (Am Möwenfluss)
in der evang. Petruskirche in Kirchheim, Dietger Holm – Dirigent, Solvejg Franke – Regie, Anja Koch – Bühne und Kostüme

The Burning Fiery Furnace (Die Jünglinge im Feuerofen)
in der Johanneskirche in Neuenheim, Joana Mallwitz – Dirigentin, Tobias Heyder – Regie, Didi Müller – Bühne und Kostüme

Noye’s Flodde (Noahs Flut)
in St. Albert in Bergheim, Dietger Holm – Dirigent, Elmar Supp – Regie, Stephanie Karl – Bühne, Sabrina Leichle – Kostüme
(ausgezeichnet mit dem Götz-Friedrich-Studio-Preis für Opernregie)


Menschen kommen ins Theater, um dort gemeinsam etwas zu erleben und sich auszutauschen. Es gibt aber auch viele Menschen, die nicht ins Theater kommen. Warum sollte das Theater nicht zu ihnen kommen? Das Heidelberger Theater liegt in der Altstadt, es lag also nahe, mit Projekten in die verschiedenen Stadtteile zu gehen und nach ungewöhnlichen Aufführungsorten zu suchen, die auch für die traditionellen Theaterbesucher attraktiv sind. Genau für diesen Zweck hatte der englische Komponist Benjamin Britten eine Reihe von Kirchenopern geschrieben. Für ihn war es immer sehr wichtig, dass seine Musik auch der Gemeinschaft nützlich war – die er durchaus nicht unkritisch sah. Er wollte unter den Menschen leben, für die er komponierte, und verstand seine Musik als ein Mittel der Kommunikation. Deshalb schrieb er auch Stücke für die Aufführung in Kirchen, die es manchmal sogar Laienmusikern erlauben, mitzumachen. Was lag näher, als mit diesen Stücken in verschiedene Kirchen zu gehen und ihre wunderschöne Musik zu spielen, die in Deutschland kaum bekannt ist? Die Pfarrer, Kantoren und Gemeinden waren von der Idee leicht zu begeistern – sie konnten ihren Gemeinden ein außergewöhnliches Ereignis bieten, das den Kirchenraum in den Ort eines Mysteriums verwandelt. Szenisch wurde die Kirchenoper zu Spielfeld der Assistenten: Ein engagierter Regieassistent will nicht nur bei anderen Regisseuren lernen, sondern auch sich selbst in der Praxis erproben. Die Kirchenoper bot den Regieteams in den unterschiedlichen Kirchenräumen ungewöhnliche
Herausforderungen, die in relativ kurzer Probenzeit gemeistert werden mussten. Solvejg Franke, Tobias Heyder und Elmar Supp fanden dafür überzeugende Lösungen. Das erste dieser Werke entstand noch als Kirchenkantate über den Nikolaus. Es liegt nahe, dieses Werk auch halbszenisch aufzuführen, und der 6. Dezember war der ideale Premierentag. Die Kantorei der Friedenskirche in Handschuhsheim studierte die Chöre ein, und bei zwei Chorälen durfte sogar das Publikum mitsingen. Kantor Michael Braatz lud das Publikum vor der Vorstellung zu einer kurzen Einsingprobe ein, damit das dann während der Aufführung auch richtig klang und Spaß machte.
Bei einem Japan-Besuch begeisterte sich Britten so über das Noh-Theater, dass er ein japanisches Stück an die christliche Tradition anglich und damit seine erste „Kirchenparabel“ schuf. Das Stück „Curlew River“ erzählt von einer Frau, die den Verstand verlor, als man ihren kleinen Jungen entführte, und die auf ihrer Irrfahrt sein Grabmal findet. Dort spricht der tote Junge in einer Vision zu ihr, wodurch sie aus Gnade zur Vernunft kommt. Die Musik ist dank ihres rituellen Charakters und der leicht asiatischen Färbung außerordentlich faszinierend, und in der kleinen Kirchheimer Petruskirche gelang eine sehr berührende Aufführung. Ein Teil der Ausstattung blieb sogar in der Kirche als Geschenk des Theaters zurück. Auch die Parabeln „Der verlorene Sohn“ in St. Bonifaz in der Weststadt und „Die Jünglinge im Feuerofen“ in der Neuenheimer Johanneskirche stehen in dieser Reihe und wurden für das Publikum zum eindrucksvollen Erlebnis.
Das Stück „Noahs Flut“ schrieb Britten als Oper für Kinder zum Mitmachen – nichts ist ja wichtiger, als dass Kinder selbst zum Musizieren animiert werden und dadurch ihre Persönlichkeit entdecken und entwickeln können. Noah und seine Frau werden von Opernsängern verkörpert, aber ihre Kinder und deren Freunde können auch von jungen Darstellern gesungen werden. Dazu kommt ein großer Kinderchor und sogar ein großes Kinderorchester, das das Profiorchester ergänzt. Schon der Einzug dieser über hundert mitwirkenden Kinder, die zum Teil selbst hergestellte Tiermasken trugen, wurde in St. Albert zum bewegenden Ereignis. Und Regisseur Elmar Supp bekam dafür den Studiopreis des renommierten Götz-Friedrich-Preises für junge Opernregisseure.

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